Kopfmenue

Sehr geehrter Herr Kleebank,

da mein Leben lang - und ich bin mittlerweile fast 75 Jahre alt - meine politischen Sympathien dem demokratischen Sozialismus und der ökologischen Einpassung des Menschen in seine natürliche Umwelt gegolten haben, begrüßte ich es auch, dass eine Wählergemeinschaft aus SPD und Grünen Sie zum Bürgermeister von Spandau gewählt hat.

Ihre Tätigkeit als Schulleiter und die damit ver­bundene Kommunikation mit allen Bevölkerungsschichten Spandaus haben Sie auch für dieses Amt empfohlen. Über meine Frau, die als Lesepatin in der Földerich-Grundschule hilft, weiß ich, was über die Schulen in Spandau bewirkt werden kann. Ich wünsche Ihnen eine glückliche Hand im neuen Amt.

Ich schreibe Ihnen, weil ich den Eindruck habe, dass Sie in einer Angelegenheit, die mich auch per­sönlich betrifft, dabei sind, einen vermeidbaren Fehler zu machen.

Lassen Sie mich aber bitte eine Anekdote vorausschicken, um meine Grundeinstellung zu dem frag­lichen Problem zu verdeutlichen. Bei einer Exkursion des Oberseminars für Politische Wissenschaft der Universität Erlangen nach München führte uns 1963 der frühere Bayrische Ministerpräsident Hoegner (SPD), damals schon ein weißhaariger alter Herr, durch den Landtag. Er rechnete es sich als bleibendes Verdienst an, in der Bayrischen Verfassung verankert zu haben, dass die Bürger den freien Zugang zu den Früchten des Waldes genießen – also überall Schwammerl und Heidelbeeren suchen und sammeln dürfen. Daran musste ich denken, als ich dann 1965 auf diese Bayrische Ver­fassung als Beamter auf Probe vereidigt wurde.

Seit 1966 bin ich Berliner und seit 1976 habe ich ein Haus oberhalb der Uferpromenade am Groß Glienicker See. Dazu gehört auch ein Stück Gartenland am See – 80 m lang und 2,5 m breit, das in einem Steg und einer Anlegestelle für meinen Angelkahn endet. Mit dem Zugang zu den Seen halte ich es ähnlich wie Hoegner mit den Früchten des Waldes: Die Seen sollten einsehbar und soweit dies mit den Belangen des Naturschutzes vereinbar ist auch zugänglich sein – zum Baden, Rudern, Tauchen oder Schlittschuhlaufen.

Nach meinem Eindruck ist die Spandauer Seite des Groß Glienicker Sees in einigermaßen befriedi­gender Weise zugänglich. Den Spandauern stehen zwei große Badestellen mit großen Liegewiesen und ausreichenden Parkplätzen zur Verfügung und im vergangenen Jahr wurde die Badestelle am Moorloch noch einmal erweitert.

Zur Uferpromenade gehört ein Fußweg, von dem aus man über eine Distanz von 40 bis 80 Metern zumindest streckenweise auf den See blicken kann. Beim jetzigen Plan dSPD, in 15 Meter Ent­fernung vom Ufer einen neuen Wanderweg zu installieren und die Anrainer zu enteignen, stehen meines Erachtens die geplanten Eingriffe in die bisherige Nutzung in keinem politisch vernünftigen Verhältnis zu den Gewinnen der Spandauer Allgemeinheit. Wenn die 15 m breite Enteignung der Ufergrundstücke realisiert und die Stege abgerissen würden, wäre dies für die bisherigen Nutzer ein außerordentlich schmerzhafter Verlust, dem kein entsprechender emotionaler Gewinn der Spandau­er Allgemeinheit entspräche. Meine Lebenserfahrung und die Erinnerung an Zwangssozialisierun­gen sagt mir, dass man solche emotionalen Verletzungen, wenn diesen keine spürbaren und notwen­digen Gewinne der Allgemeinheit entsprechen, tunlichst vermeiden sollte.

Die Lage der Anrainer am Spandauer Ufer des Groß Glienicker Sees ist nicht einheitlich, doch ein wichtiger Umstand ist bei einer erheblichen Zahl, dass der Badesteg – und sei der Uferstreifen noch so schmal – seit mehreren Generationen ein wesentlicher Bestandteil des sommerlichen Familienle­bens war und dass diesen Familien nun – mit zweifelhafter Legitimation – ein Stück ihres Lebens genommen würde. Bei mir ist es erst die zweite Generation – also Kinder und Enkel – die mit dem Angelboot und dem Steg und der Naturbeobachtung in dessen Nähe aufgewachsen ist. Es gibt ande­re Familien, deren Angehörige seit den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit diesen Leben am Seeufer und auf den Stegen aufgewachsen sind. Ich spüre in meiner Umgebung das Entsetzen und die Ratlosigkeit alter Leute, denen man ihren Steg abreißen, die Angelgelegenheit nehmen und einen Weg vor die Gartenterrasse legen will.

Ich glaube gar nicht, dass dieser Weg jemals gelegt werden wird, weil die Enteignungsverfahren aus rechtlichen und finanziellen Gründen nicht funktionieren werden. Doch wenn das so ist und ich kann mir kaum vorstellen, dass Sie nach der Lektüre der Schreiben von Betroffenen und einen Blick in die Spandauer Kasse zu einer anderen Einschätzung kommen, dann gebietet es meines Erachtens das politische Fingerspitzengefühl, solche Pläne gar nicht erst durch die Gremien zu pauken, bis sie dann, nachdem sie viel Aufregung verursacht haben, doch scheitern.

Als Angler und Schlittschuhläufer bin ich oft den See entlang gerudert oder gefahren. Ich denke, dass man auch ohne generellen Abriss der Stege und ohne neuen Uferweg einiges für die Belange der ökologischen Einpassung des Uferbereichs tun kann.

Für den Rückbau des Ufers könnte man die Anlieger mit Argumenten und Auflagen gewinnen. Da sind teilweise scheußliche Dummheiten mit Palisaden und Zementmauern begangen worden. Der Stegebau ließe sich so regeln, dass es für das Bezirksamt bei den Einnahmen aus Pachtgebühren bleiben könnte, aber die Stege weder das Landschaftsbild, noch den Schilfwuchs gravierend beein­trächtigen würden. Das würde das Bezirksamts nichts kosten, aber die naturschützende Eigeninitia­tive der Anrainer würde befördert. Das fände ich politisch vernünftig. Doch jetzt eine Menge Ener­gie darauf zu verwenden, diesen Konflikt durchzufechten, will mir nicht in den Sinn. Ich wage die Behauptung: Es gibt in Spandau Wichtigeres zu erledigen, als diesen Konflikt um das Spandauer Ufer des Groß Glienicker Sees zu eskalieren.

 

Ich wünsche Ihnen im Übrigen alles Gute für Ihre Amtszeit

Ihr Theodor Ebert

Briefe an die Politiker