Kopfmenue

Gestern – Heute – Morgen oder 4 Generationen am Groß-Glienicker-See

Alles begann im Jahre 1926.
Mein Vater, Walter Kundt, war ambitionierter und erfolgreicher Kaufmann für fotografische Produkte in Berlin.

Durch den beschleunigten technischen Wandel in allen Lebensbereichen, liefen in den goldenen 20er Jahren die Geschäfte gut. Mein Vater war selbständig und hatte einen kleinen Fotoladen in der Friedrichstrasse.

Nach den Kriegsjahren des ersten Weltkriegs sehnten sich alle nach einem Ruhepol, um sich von den Folgen des Krieges zu erholen. So kaufte mein Vater für sich und meine Mutter Käthe eine Parzelle mit Bootssteg am Groß Glienicker See. Diese Parzelle hatte eine bescheidene Breite von 7,50 m und ca. 40 m Länge. Auf dem Grundstück selbst befand sich damals schon eine kleine Holzhütte als Unterschlupf.

Auch wenn das kleine Seegrundstück am Groß-Glienicker keinerlei Komfort bot, so war es für meine Eltern, die  damals in Berlin Tempelhof wohnten, die Erfüllung ihrer Träume.

Meine Eltern verbrachten viel Zeit in ihrem kleinen Paradies und waren bei jedem Wind und Wetter draußen, am Groß-Glienicker-See.

Durch einen glücklichen Zufall ergab sich im Jahre 1936 die Chance, die Nachbarparzelle mit einer Breite von 2,50 m hinzu zu kaufen. Das Grundstück hatte nun eine „stolze Breite“ von 10 Metern. Diese kleine  Verbreiterung des Grundstücks bot gerade genug Platz, um ein kleines Wochenendhaus aus Stein bauen zu lassen, so wie es heute noch steht. Natürlich mit einfachen Fenstern, ohne Keller und ohne Heizung. Aber es war aus Stein und eine deutliche Verbesserung zu der ganz einfachen Holzhütte.

Dann der schreckliche Krieg, von dem auch meine Familie nicht verschont blieb. 1943 zerstörten die Bomben unser Zuhause in Berlin. Wir konnten dort nicht mehr wohnen und brauchten ein Dach über dem Kopf. Das kleine Paradies am Groß-Glienicker-See wurde unsere Rettung. Nicht nur, das es in guten Zeiten unserer Familie viele schönen Stunden geschenkt hat, nein auch in den Zeiten der Not war dieses Grundstück die Rettung für uns.

Meine Eltern, meine Schwester, die Großmutter und ich zogen nach Groß-Glienicke in das kleine Haus am See. Notgedrungen wurde dieses kleine Haus, das kaum mehr als 2 Zimmer hatte, mit kleiner Küche, für viele Jahre zu unserem Zuhause. Aber wir waren dort nicht lange alleine. Auch einige Nachbarn, deren Wohnungen ebenfalls zerstört waren, bezogen mit Ihren Familien ihre kleinen Lauben am See.

Nach dem Krieg mussten alle Menschen ums Überleben kämpfen. So natürlich auch meine Familie. Unser kleines Haus wurde zu unserer Festung, die uns half, diese bitteren Jahre zu überstehen. Obwohl es uns wirtschaftlich schlecht ging, hatten wir mit unserem kleinen Zuhause am Groß-Glienicker Glück. Durch den Steg hatten wir Zugang zum Wasser. Das Häuschen war für 5 Personen zwar sehr eng, aber wir hatten ein Dach über dem Kopf und für uns Kinder wurde der Garten und der Steg zum Spielzimmer.

Der kleine Fotoladen in Berlin Mitte war ausgebombt. Mein Vater war auch geschäftlich am Boden und hatte in der Stadt nur noch ein kleines Büro und ein Foto-Labor.

1945 hielten sich die Russen – als Besatzer - auch in diesem Teil von Kladow (damals Groß-Glienicke) auf. Sie waren weit von ihrem Zuhause entfernt und wollten ihren Familien ein paar Fotos als Lebenszeichen schicken. Da mein Vater noch ein paar Kameras besaß, bot es sich an, von diesen Soldaten Fotos zu machen. So kam er zu etwas Geld, um seine Familie zu ernähren. Viele dieser Bilder haben wir heute noch. Und diese Bilder zeigen, dass sich an der Parzelle mit Bootssteg seit 1945 nicht viel geändert hat.

Auch wenn das Grundstück noch so klein war, durch den kleinen Steg hatten wir Kinder direkten Zugang zum Wasser. Und dies machte aus einem kleinen unscheinbaren Grundstück eine wahre Perle. Sobald die Temperaturen es zuließen, waren wir Kinder im Wasser oder spielten auf dem Steg.

Als der Schulbetrieb wieder aufgenommen wurde, besuchten meine Schwester und ich die Grundschule in Kladow. Außer im Winter und bei Regen, machten wir unsere Schularbeiten auf dem Steg. Der Steg wurde somit zum erweiterten Wohnzimmer des kleinen Häuschens. Ingesamt hat sich für alle Familienmitglieder ein großer Teil des Lebens im Garten und auf dem Steg abspielt. So konnten wir der Enge des kleinen Häuschens entfliehen. Er war oftmals unser zweites Wohnzimmer.  Dort traf man seine Freunde oder man konnte auch einfach nur dösen.

Am Abend und oft auch am Wochenende wurde es oft sehr gesprächig am See. Die Gespräche gingen hin und her, von Steg zu Steg. Der Steg war somit nicht nur eine Brücke zwischen Land und See, sondern auch zwischen den Menschen, die dieses Land bewohnten. Die Ruhe, Geborgenheit und die Verbundenheit mit der Natur, die der See ausstrahlt, war und ist für uns ein natürlicher Ruhepool und ein Seelentröster für all die schrecklichen Erlebnisse, die wir während und nach Krieg erleben mussten.

Im Jahre 1955 sind wir wieder in die Stadt gezogen. Unser Grundstück mit unserem Steg war aber weiterhin der große Anziehungspunkt für uns. Hier haben wir so viele Erlebnisse gehabt, die unsere Familie geprägt haben. Die Wochenenden und alle Ferien verbrachte meine Familie am Groß-Glienicker See. Es war und ist das Gefühl, nach Hause zu kommen. Dort trafen wir unsere Freunde aus der Schule. Meine Eltern trafen dort Ihre Freunde und die lieb gewonnenen Nachbarn von den anderen Grundstücken. 

Später habe auch ich geheiratet und wurde Vater. Und so wie die Geschichte meiner Familie mit dem Groß-Glienicker-See verbunden ist, so haben auch meine Kinder viel Erfahrungen und Erinnerungen an die Zeit am und im See. Dort konnten sie die intakte Natur erleben, das wunderbare Wasser genießen und die abendliche Idylle am Groß-Glienicker See erleben. Selbstverständlich haben auch meine Kinder vom Steg aus schwimmen gelernt.

Nun sind selbst meine Kinder erwachen und haben ebenfalls Kinder bekommen. Es ist nun schon die 4. Generation unserer Familie, die hier am See schwimmen lernt und Gespür dafür bekommt, dass es neben dem Leben in der Stadt auch eine Verbundenheit zur Natur gibt.

Nach dem Willen der Bezirksverordneten in Spandau, soll das soll nun geändert werden. Die Bezirksverordneten eines offenbar menschenfeindlichen Bezirksamtes in Berlin-Spandau wollen, dass unser Steg zum Ende dieses Jahres abgerissen werden soll. Was über 80 Jahre ein fester Bestandteil des Grundstückes war, soll auf einmal schädlich sein. Wo meine ganze Familie gelernt hat, wie ein Leben zwischen Mensch und Natur aussehen kann, soll nun eine Trennung erfolgen. Die "bösen" Menschen am See sollen nicht mehr in´s Wasser gehen dürfen, da dies das natürliche Gleichgewicht am Ufer angeblich stört. So würden unsere Stege „Fische beschatten“. Die letzten 80 Jahre hat es die Fische nicht gestört, das nicht nur Bäume sondern auch Stege Schatten spenden. Die Abgeordneten haben sich einer sachlichen und lösungsorientierten Diskussion über Jahre verschlossen. Klar ist: Hier geht es nicht um Umweltschutz, schon gar nicht um die Menschen am See, sondern nur darum, dass einzelne Politiker zeigen wollen, welche politische Macht sie haben und einsetzen können.

Ich bin der Meinung, dass nur mit den Stegen unsere Kinder und die Erwachsenen, von ihren Grundstücken aus, das Erlebnis Wasser im Einklang mit der Natur nutzen können, um zum Beispiel  zu schwimmen oder im Winter Schlittschuh zu laufen.

Mein Vater hat unser Grundstück mit Steg gekauft – ich habe es in all den Jahren erhalten, gepflegt und an meine Kinder übergeben.

Meine Enkel sollen nun das Recht auf diesen Zugang zum See verlieren? - Warum?

Wolfgang Kundt

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