Kopfmenue

Illegal gebaut -

diese, für mich nicht nachvollziehbare Aussage, veränderte mein ganzes Leben.
Ein Leben das fast immer mit dem Groß-Glienicker-See verbunden war. 

Sie bedeutete den Abriss meiner kleinen Laube und meines Steges am Groß-Glienicker See. Das ist fast das Ende meiner Zeit am Groß-Glienicker-See – doch ich sollte von Anfang an erzählen.

Mein Vater war Fischermeister in der Versuchsanstalt für Fischerei am Sacrower See. 1942 wurde er nach Westpreußen (heutiges Polen) versetzt. In den Wirren des Krieges musste unsere gesamte Familie, wie viele andere auch, Berlin verlassen. 1946 sind wir als Flüchtlinge wieder zurück nach Hause, an den Groß-Glienicker-See gekommen. Wir fanden Zuflucht im Anglerheim. (Das lag  zwischen dem Krampnitzer Weg und dem Groß Glienicker See. Der Krampnitzer Weg war die zweite Verbindung nach Groß-Glienicke). Das war zur damaligen Zeit im Besitz der Familie Ludwig. Es bestand aus Lauben, kleinen Häusern, Bootsschuppen, Gärten, ein bisschen  Ackerbau und Wiesen. Es bot vielen Familien eine Heimat. Mein Vater arbeitete nun, als Angestellter der Familie Ludwig, als Fischermeister am Groß-Glienicker See. Die Familie Ludwig hatte im Jahre 1926  den See von den damaligen Gutsbesitzern von Wollank gepachtet. 1978 kaufte ihr Enkel Wolfram Ludwig die Berliner Hälfte des Sees von deren Erben.

1946 kamen wir Kinder dann auch in die Schule. Es war die Privatschule in der Waldallee, die aus zwei Klassenräumen bestand. Unsere Schulleiterin war Frau Ackermann. Sie hatte den Spitznamen Kieksche, wegen ihrer dicken Brillengläser. Als Lehrerin war sie nicht sehr beliebt, da sie sehr streng war. Privat war sie aber eine wunderbare Frau. Sie setzte sich für „ihre“ Kinder ein. Ein Jahr lang hat sie vielen Kindern (täglich ab 15:00 Uhr) Nachhilfeunterricht gegeben, damit sie auch das Klassenziel erreichten. 1947 wurde die Privatschule aufgelöst - danach ging es in die Kladower Dorfschule.

Nach der Schule waren das Anglerheim, der Wald, der kleine Weiher und der See die idealen Spielplätze für uns Kinder. Es war einfach Abenteuer pur. Sobald die Temperaturen es zuließen, waren wir im See. Das war unsere Leidenschaft. Ein weiterer toller Spielplatz für uns Kinder war die Halbinsel. Dort gab es einen Weg, am Ufer entlang, um die gesamte Halbinsel herum. Im Frühjahr laichten dort die Hechte. In den flachen Teilen des Sees konnte man sie gut beobachten. Außer dem vielen Schilf auf der südlichen Halbseite , bestand die gesamte Insel fast nur aus einer großen Wiese. Zur Froschlaichzeit wurde sie oft von Adebar dem Storch besucht. Die Störche kamen von der anderen Seite des Sees. Auf den dortigen Bauernhöfen hatten sie ihre Nester.

Dann erfolgte die Trennung in Ost und West. Die Grenze zog sich mitten durch den GGS. Als erstes wurde ein Stacheldrahtzaun (Bild 1) hinter der Strandbaude gezogen. Damit die DDR-Grenzer einen guten Überblick hatten, wurde alles dem Erdboden gleich gemacht. Der Wald und der Weiher, die Spielplätze unserer Kindheit, waren verschwunden. Wir konnten diese ganzen Aktivitäten gar nicht fassen. Was da passierte – es war doch unser Zuhause.

1952 wurde die Grenze endgültig geschlossen. Von da an gehörte das Grundstück zur DDR. Der Familie Ludwig verblieb lediglich die Strandbaude. Die große Liegewiese haben sie dann vom Bezirk Spandau gepachtet. Mein Elternhaus, das ja nun in der DDR lag, habe ich nach der Grenzschließung verlassen. Von da an lebte ich in Kladow. Mein Vater hat, bis kurz vor Mauerbau, weiterhin als Grenzgänger für die Familie Ludwig gearbeitet.

1961 wurde dann die Mauer auf der Groß-Glienicker Seite gebaut. Die Ufer wurden abgeräumt, Baume gefällt, Häuser abgerissen (Bild 2). Als die Pfosten eingeschlagen wurden, standen wir am Ufer und starrten hinüber (Bild 3). Wir konnten es nicht fassen. Viele Menschen weinten. So richtig konnte man nicht glauben was da geschah. Dann wurde die Mauer geschlossen, die die Groß-Glienicker Bürger endgültig von den Kladowern trennte.

Jahrelang habe ich in bzw. mit der Familie Ludwig gelebt, wie als Kind auch mein Vater. An den Wochenenden habe ich mir als Hilfe in der Strandbaude mein Taschengeld aufgebessert.  Mein Leben, praktisch meine gesamte Freizeit,  war bis zu diesem Zeitpunkt immer mit dem See verbunden.

Da die Familie Ludwig ihr Grundstück (Anglerheim) an die DDR verloren hatte, war für viele Laubenbesitzer auch ihr Wochenenddomizil - die Lauben- verloren gegangen. Herr Ludwig hat dann, am Ufer des von ihm gepachteten Wiesengrundstücks kleine Wassergrundstücke unterverpachtet. Dort durften die Pächter, mit Herrn Ludwigs Genehmigung, kleine Hütten und Stege errichten.

Als ca. 1980 ein kleines Grundstück mit Hütte und Steg, aus Altersgründen, frei wurde habe ich es übernommen. Nun konnte ich auch mein kleines Ruderboot an meinem eigenen Steg unterbringen. Meine Kinder und später auch meine Enkel fühlten sich genauso wohl am See wie ich. Wie nicht anders zu erwarten, waren auch sie wahre Wasserratten. Das galt auch für unseren Hund. Gemeinsam waren sie oft, wie viele andere Badegäste,
mit dem Surfbrett auf dem See (Bild 4 / Bild 5).

Auf der DDR-Seite stand inzwischen ein großer Wachturm. Von dort wurden wir stetig beobachtet.
Herr Salomon (SPD-Bürgermeister von Spandau von 1979 bis 1992) und andere Berliner Politiker kamen des Öfteren zu uns an den Groß-Glienicker See, klopften uns auf die Schulter und lobten uns, weil wir es direkt an der Grenze aushielten und uns nicht von der ewigen Beobachtung einschüchtern oder gar verjagen ließen. Die Aufmunterung – haltet durch – lasst Euch nicht vertreiben – habe ich noch heute im Ohr.

Das Wasser und seine Tiere, waren schon immer sehr wichtig für mich - ich brauchte es. Ich hatte tolle Erlebnisse mit den Tieren. Sobald ich im Wasser war oder auch nur die Hand ins Wasser hielt kam ein Barsch und stupste mich an. Für viele Badegäste war es eine Freude, mich und meinen Freund den Schwan zu sehen. Wenn ich den Steg betrat, kam er angeschwommen. Danach schwammen wir gemeinsam unsere Runden (Bild 6). Die Leute staunten sehr.

1998 trat ich in das Kladower Forum ein. Bei einer dorfgeschichtlichen Wanderung (es müsste 2008 gewesen sein)  führte uns unser Weg auch über die Halbinsel. Herr Birlem und Frau Abtahi (die Eigentümer eines Großteils der Insel) erwarteten uns, zusammen mit der Politikerin Frau Ursula Sommer (SPD) am Eingang der Halbinsel. Die Besitzer informierten uns über die Halbinsel und ihr Vorhaben. Frau Sommer erzählte den Teilnehmern von dem geplanten Wanderweg, dem Abriss der Fischerhütten und der Stege. Dort hörte ich es zum ersten Mal. Diese, lt. Aussage von Frau Sommer, illegal gebauten Stege und Hütten müssten verschwinden. Das habe ich gar nicht verstanden. Unsere Hütten und Stege hatten wir doch mit Wissen und mit Einverständnis von Ludwig gebaut. Die Stege standen in seinem See. Was wollte diese Frau von uns?  Trotz dieser unglaublichen Aussage, verbrachten wir den Sommer fast normal auf unserem kleinen Seegrundstück. Man hatte es zwar – von dieser SPD-Frau -  gehört, aber es erschien so abwegig, das man es irgendwie gar nicht glauben konnte. Zu dieser Zeit hatten meine Kinder einen Austauschschüler, den Sohn des damaligen französischen Umweltministers, als Gast. Mit großem Vergnügen ist auch er von unserem Steg aus gerudert und geschwommen.

Ende des Sommers las ich im Spandauer Volksblatt über die sogenannten illegal gebauten Stege und Hütten am GGS, die unbedingt abgerissen werden sollten. So erfolgte die sogenannte „offizielle“ Information. Ich ging zu Herrn Ludwig und bat ihn um Aufklärung. Ihm gehörte der See und er hat uns doch erlaubt, da zu bauen. Er hatte doch immer zu uns gestanden – wir waren doch seine Pächter. Jetzt schien auf einmal alles verändert. Er erklärte mir, dass der GGS ein öffentliches Gewässer sei und dieses Stückchen Land leider kein Eigentum, wie die anderen Seegrundstücke, war sondern eben nur Pachtland und aus dem Grund alles, einfach alles weg muss. Alles was vorher gesagt war, galt nicht mehr. Herr Ludwig war selber völlig niedergeschlagen.

Mein Steg war immer aus Naturmaterialien gebaut und ich habe immer umweltverträglich gehandelt (ohne Holzschutzmittel). Meine Steganlage war jederzeit von außen einsehbar. Oft sind auch Fremde über den kleinen Zaun geklettert und haben den Steg zum Baden genutzt. 

Ja, es gab auch hohe Zäune, die unansehnlich waren. Mit ein paar Auflagen hätten die kleinen Grundstücke jederzeit verändert, durchsehbar und ansehnlich verändert werden können. Das war aber anscheinend nicht gewollt. Hier sollte Tabula Rasa gemacht werden.
Meine Nachbarn sagten zu Herrn Ludwig: Wir geben auf – Du kannst alles haben. Wir haben keine Kraft dazu.

Was ist aus uns geworden – der Krieg – die schwere Nachkriegszeit – der Zusammenhalt in der Not – alles war vergessen.
Das war doch ein wichtiger Teil unseres Lebens und den nahm man uns weg.
Der Anglerverein bekam die Genehmigung, den See noch ein weiteres Jahr zu nutzen.

Meine Kindheit, die Kindheit meiner Kinder und Enkel waren eng mit diesem Fleckchen Erde und dem Steg  verbunden. Alles weg. Warum?

Meine Familie und ich waren der Willkür des Nazi-Regimes, der Willkür des DDR-Regimes und jetzt der Willkür dieses Bezirksamtes in Spandau ausgesetzt.
Bis dahin hatte ich immer Vertrauen in unsere Demokratie!

Noch heute mag ich nicht zum GGS gehen. Es tut einfach zu weh, besonders weil ich es bis heute nicht verstehen kann.

Hanne Ritter

 

nach-oben               zur Startseite

 

Drahtzaun vor Grenzbau
abholzen der Bäume
Der Mauerbau beginnt
surfen an der Grenze
surfen auf em Groß-Glienicker-See
Schwimmen mit Schwan
Persönliches